Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

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Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Gedanken zur Deutschen Einheit

Wenn du als Ossi einen Westdeutschen triffst, der nicht dein Verwandter ist, ist es entweder dein Vorgesetzter, dein Vermieter oder du stehst vor Gericht.

Quelle: Mein Freund Hardy

Diesen Witz, der mir ehrlich gesagt im Hals stecken blieb, schickte mir mein Freund Hardy am 2.Oktober per WhatsApp. Das Problem ist: Er hat zu 99,9% recht.

Warum sind die Löhne in Ingolstadt doppelt so hoch wie in Görlitz? Wie kann es sein, dass von den Rektorinnen und Rektoren der 81 deutschen Universitäten kein einziger aus Ostdeutschland kommt, dass also alle ostdeutschen Unis von Westdeutschen geleitet werden?

In den Unternehmen sieht es praktisch genauso aus. Die Eigentümer sind fast alle westdeutsche Männer oder Frauen. Und mein Vermieter ist auch ein Mann aus dem Westen.

Als Ostdeutscher erlebe ich derzeit gleichzeitig Freude aber noch größere Wut. Dass die DDR auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, ist jeden Tag ein Grund zum Feiern. Wir stürzten einen Polizeistaat, eine Diktatur. Und ich kann von mir sagen, das ich an vorderster Front dabei war.

Viele meiner Freunde waren schon im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen geflohen. Meine Eltern sind nach der Grenzöffnung im November sofort nach Köln übergesiedelt. Ich hätte es all denen gleich tun können.

Aber ich dachte: Jetzt gehts los. Endlich kann ich auch zu Hause, in meiner Heimat Dresden, meine Träume verwirklichen. Und deshalb bin ich hier geblieben.

Aber meine Vorfreude währte nur sehr kurz. Ganz schnell habe ich gelernt das nur eines zählt: Geld, Geld und wenn du kein Geld hast trotzdem Geld. Das, was ich gelernt hatte, spielte keine oder nur untergeordnete Rolle. Denn der Staat, in dem wir aufwachten, wollte unsere Ausbildung nur eingeschränkt anerkennen.

Ich hatte 1989 meine Meisterausbildung begonnen und die Theorie abgeschlossen. Doch 1990 sollte das plötzlich nichts mehr wert sein. Erst nach hartem Kampf hat man uns “ermöglicht” zwei Jahre theoretisches Fachwissen in einem 14-tägigem Lehrgang “nachzuholen”. Bezahlen mussten wir das natürlich extra und aus der eigenen Tasche. Aber ohne dieses Nachholen hätte ich den praktischen Teil nicht machen können. Ich habe das dann alles geschafft und darf mich seit 1990 Bäckermeister nennen. Aber für mich ist das ganze bis heute ein Musterbeispiel westlicher Arroganz. Und der erste große Vertrauensbruch.

Das ging ja nicht nur mir so, sondern sehr vielen in meinem Bekanntenkreis. Das es in der Marktwirtschaft andere finanzielle Regeln gab, war klar. Aber Fachwissen ist Fachwissen. Brot wird überall auf die gleiche Art gebacken und Strom fließt auch immer auf die gleiche Art. Doch uns erklärte man für zu dumm es zu wissen.

Die Heuschrecken kommen

Die erste Stufe der Ausplünderung der ehemaligen DDR war die Invasion der Versicherungskolonnen. Typen wie Carsten Maschmeyer mit dem AWD und die HMI drehten den unerfahrenen Ossis überteuerte und auf Betrug angelegte Geldanlagen an. Im Westen findet man diese Betrüger ja heute noch toll. Einfach aus dem Grund, das sie Geld gescheffelt haben. Dabei gehört diese Brut in den Knast. Ich kenne keinen der in der Zeit nach 1990 kein Opfer dieser Betrüger war. Egal ob als Kunde oder gar als geworbener “Verkäufer”.

Und plötzlich ist die Arbeit knapp

Man hatte uns zu Beginn der Wendezeit viel Hoffnung gemacht. Ihr könnt jetzt frei sein, euch selbständig machen, das Leben in die eigene Hand nehmen. Viele haben das schon Anfang der neunziger versucht. Doch ohne Moos nix los. Wer kein Eigenkapital hat, kann auch kein Unternehmen gründen. Viele sind auf die Versprechungen des Staates und der Banken reingefallen.

In meinem Bekanntenkreis haben das viele versucht. Die allermeisten sind wieder als Angestellte unterwegs oder leben nur mit Mühe und Not vom erarbeiteten.

Und durch die vorgebliche Coronakrise ist es für viele noch schwieriger geworden.

Prekäre Arbeit – prekärer Lohn

Auch für die, die in Handwerksberufen als Angestellte arbeiteten, war es in den letzten 30 Jahren schwierig. Arbeit gab und gibt es genug. Nur die Bezahlung war in der meisten Zeit unter aller Sau. Als ich in der letzten Firma meinen echten Gehaltswunsch geäußert habe, sagte die Personalerin;

“Das geht nicht! Wir sind doch hier im Osten”

Ich habe ihr geantwortet, das seit der Wende 30 Jahre vergangen sind und ich nicht einsehe, das ich immer noch 600€ weniger als mein Kollege im Betrieb in Aachen verdiene und das Wertschätzung in der Marktwirtschaft ja schließlich über den Lohn erfolgt.

Das Gespräch war danach beendet.

Die Treuhand die keine Treuhand sondern Betrüger ist

Es gibt etwas, was mich seit vielen Jahren besonders aufregt und das alle ehemaligen DDR-Bürger betrifft. Und das ist die Mär von der tollen Treuhand.

Die Treuhand ist für mich der Inbegriff von Betrug. Allein der Wert der Grundstücke, die damals an sogenannte Investoren verschoben wurden, dürfte in die Billion Euro gehen. Praktisch müsste man heute fast alle damals handelnden Politiker vor Gericht stellen. Doch das ist ganz sicher auch der Grund, warum die meisten Akten immer noch als Verschlusssachen eingestuft sind. In einem Artikel hier im BLOG habe ich ja schon mal meine Meinung dazu gesagt. https://lasno.de/politik-gegen-treuhand-aufarbeitung/

Ich finde es unerträglich das es möglich war, das man 16 Millionen Einwohner der DDR praktisch um ihren Anteil geprellt hat. Denn schließlich war die DDR das Eigentum der Bewohner. Und es stimmt nicht, das es nichts mehr von Wert gab. Das sieht man auch daran, mit welchen Summen zum Beispiel um die Energieversorger gerungen wurde. Und das sich ausgerechnet gut rechnende Unternehmer Pleitefirmen aufhalsen, gehört ins Reich der Märchen und Sagen.

Betrugsmasche Treuhand

Mit der Treuhand wurden Ostdeutschlands Ressourcen geplündert. Die Treuhand machte die feindliche Übernahme perfekt! Es war ein Ladendiebstahl, ein Banküberfall. Horst Köhler, damals Staatssekretär im Finanzministerium, und sein Mitarbeiter Thilo Sarrazin stürzten vorsätzlich fast vier Millionen Ostdeutsche in die Arbeitslosigkeit, um den Osten so an das geringere Beschäftigungsniveau des Westens anzugleichen. Jetzt machte es auch Sinn die Berufsabschlüsse der vergangenen DDR nicht anzuerkennen. Sarrazin – mit dem ideologischen Rüstzeug seiner Doktorarbeit über die Rentabilität von Sklavenarbeit in den US-Südstaaten ausgestattet – wandte seine arbeitsmarktpolitischen Erkenntnisse von den „Negersklaven“ nun auf die Ostdeutschen an. Die Mafiaorganisation Treuhand ließ ihre neoliberalen Heuschrecken über die „neuen Länder“ (was für ein Wort! Als hätte es in der DDR kein Brandenburg oder Sachsen gegeben…) hinwegfegen und hinterließ flächendeckend Brachland. Das Tafelsilber der Ostdeutschen wurde in Wild-West-Manier einfach geraubt und dem Westen überschrieben.

Ganze Unternehmen wurden für eine, wie man sagte “symbolische D-Mark” an westliche Banken, Konzerne und Personen „verkauft“. Stahl, Kohle, sämtliche Industrien bis hin zum Restaurant um die Ecke – alles, was Geld bringt, wurde an kriminelle Investoren auf der Suche nach dem schnellen Geld verschachert. 19.500 Unternehmen wurden dabei privatisiert, Tausende weitere abgewickelt. 25.000 kleine Geschäfte und Restaurants wurden verkauft, ebenso rund 50.000 Immobilien; allein der Deutschen Bank wurden 112 Niederlassungen in bester Lage für Peanuts regelrecht hinterhergeworfen. Vom einstigen „Volkseigentum“ wurden durch den Raubzug der Treuhand 85 Prozent an Westdeutsche übertragen, 10 Prozent an ausländische Investoren und peinliche 5 Prozent blieben im Osten.

Den Artikel möchte ich mit einem treffenden Zitat beenden.

Ein Ostdeutschland, das wirtschaftlich nicht auf die Beine zu kommen scheint, war nie ein Fehler im System, sondern Vorsatz, war nie Bug, sondern stets Feature der Wiedervereinigung.

http://justicenow.de/2020-10-03/nicht-meine-einheit/

All die klugen Leute die sich wundern wen wir wählen, falls wir noch wählen und wissen wollen, warum so viele im Osten anders wählen als im Westen, sollten sich mal vorstellen wen sie wählen würden, wenn sie eine Wahl an Lebensentscheidungen gehabt hätten, wie sie die Ostdeutschen hatten.

Das war ein langer Satz und es ist Zeit über was neues nachzudenken.

Hier noch paar Buchempfehlungen zum Thema:

Der deutsche Goldrausch: Die wahre Geschichte der Treuhand von Dirk Laabs Dirk Laabs erzählt die Geschichte der Treuhand, jener »Superbehörde«, die ursprünglich angetreten war, das Volkseigentum der DDR vor dem Ausverkauf zu retten und am Ende verantwortlich war für drei Millionen Entlassungen.

Die Treuhand: Wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte von Klaus Behling Die Treuhandanstalt gehört zu den schmerzlichen Erinnerungen an die deutsche Einheit. 30 Jahre nach ihrem Ende ist das Echo der Wut noch nicht verhallt. Klaus Behling hat seit 1990 die Anstalt beobachtet, mit Managern aus dem Westen und Arbeitslosen aus dem Osten gesprochen, Betriebe besucht und Akten gewälzt. Daraus entstand eine Bilanz, die einige Erfolge beim Neustart der früheren DDR-Wirtschaft ebenso zeigt, wie die vielen Hoffnungen, die in Enttäuschungen endeten.

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