Weg der Erkenntnis – Ein Gleichnis

In einer Höhle sitzen Menschen, die von Jugend auf an Schenkeln und Hälsen festgeschmiedet sind, so dass sie nur unbeweglich sitzen und geradeaus blicken können. Hinter ihrem Rücken brennt ein Feuer, das die Höhle notdürftig beleuchtet und zwischen den Gefangenen und dem Feuer befindet sich eine Mauer.

Hinter dieser Mauer verläuft ein Weg, auf dem Leute alle möglichen Dinge hin und her tragen. Die Träger selbst verschwinden völlig hinter der Mauer, nur die Gegenstände, die sie tragen, schauen oben heraus, wie auf einer Bühne. Die Gefangenen, die sich nicht umdrehen können, sehen nur die Schatten der getragenen Gegenstände auf der Wand und halten diese für die Wirklichkeit.

Jetzt werden einem Gefangenen die Fesseln abgenommen und er darf aufstehen und sich umsehen. Er sieht das Feuer, und da er bisher nur im Dämmerlicht saß, ist er zunächst geblendet, er sieht nur Flimmern und hat Angst. Als man ihm sagt, dass dieses Blitzen und Flackern die eigentlichen Gegenstände sind, von denen er bisher nur Schatten gesehen hat, glaubt er das nicht. Und als er auch noch aus der Höhle ans helle Tageslicht hinausgezerrt wird, kann er gar nichts mehr sehen und gerät in völlige Verzweiflung.

Doch allmählich mit der Zeit gewöhnt er sich an die neue Wirklichkeit. Er wurde gegen seinen Willen aus der Höhle geholt und am Anfang hätte er sich nichts lieber gewünscht als wieder zurückzukehren. Jetzt aber sieht er ein, dass er vorher nur in Illusionen lebte, in einem Zustand, der für ihn zwar angenehm war, den er inzwischen aber verabscheut. Er wurde gegen seinen Willen zur Einsicht gezwungen.

\Nach langer Übung ist er sogar fähig die Sonne, die Idee des Guten, anzuschauen. Jetzt möchte er in die Höhle zurückkehren und seine alten Kameraden ebenfalls zur Einsicht führen. Doch inzwischen hat er sich ans Tageslicht gewöhnt. Hatte er vorher Augen wie ein Maulwurf, so ist er jetzt halbblind und kann in der Höhle fast gar nichts mehr erkennen.

Die Kameraden finden ihn seltsam, und als er sie aufklären will und ihnen erläutert, dass das, was sie sehen, gar nicht die Wirklichkeit ist, sondern nur Schattenbilder, dass es sogar eine Welt außerhalb der Höhle gibt, da halten sie ihn für einen Spinner und würden ihn am liebsten zum Schweigen bringen.

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